Krisen – Moderne – Dialog

Multiple Krisen

Das Krisengerede in unserer Welt will nicht mehr verstummen, denn eine Krise jagt die andere.

Seit dem 24. Februar 2022 ist Krieg in Europa zurück. Russland begann einen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, die sich dank der Militärhilfe eines geeinten Westens bisher heldenhaft wehren kann. Seit ihrer Großoffensive im Sommer 2023 scheint die kriegerische Auseinandersetzung in einem Stellungkrieg zu erstarren. Der neueste barbarische Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 gegen Israel erhöht die Gefahr globaler Eskalation beträchtlich und legt sich als ein weiterer schwerer Schatten auf die Welt.

Davor setzte eine Pandemie, verursacht durch den neuen Coronavirus SARS-CoV-2, unseren Globus in Angst und Schrecken. Die Klimakrise mit dramatischen Meldungen zur Erd- und Meererwärmung, weltweiten Feuerbrünsten, Dürren, Überschwemmungen und Stürmen bleibt der globale Aufreger schlechthin. Davor führte die letzte große Immobilienblase der USA zur neuen globalen Weltwirtschaftskrise 2009 mit anschließender Banken- und Eurokrise, gefolgt von Flüchtlings- und darauf reagierender Populismus-Krise samt Brexit, Trump und Populisten-Regierungen in Polen, Ungarn und Italien. Subjektives Krisenbewusstsein und objektive Krisen selbst sind älter.

Herausstechendes Kennzeichen der Moderne ist also Krisen-Permanenz. Sie betrifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens von deren Beginn an.

Krisen gab es auch in vormodernen Zeiten. Der religiöse Konflikt der Reformation zwischen Rom und seinen reformeifrigen Kritikern führte politisch zu Auseinandersetzungen deutscher Fürsten mit dem Papsttum, die in den Dreißigjährigen Krieg mündeten. Die sich verstärkenden gesellschaftlichen Klassenkonflikte im Feudalismus konnten auch im Absolutismus nicht bewältigt werden und kulminierten in die Französische Revolution. Sofort mit ihr und intensiviert durch die gesellschaftlichen Umbrüche danach, vor allem mit der beginnenden Industrialisierung, brach die soziale Frage in neuer Form auf. Freigesetzte Lohnarbeiter erhielten in Notlagen keine Hilfe mehr durch Hausherrn und Hausmutter der „großen Haushaltsfamilie“ und die kirchliche Karitas, sondern waren auf sich selbst und ihre Klasse zurückgeworfen. Das trieb sich teils in die Resignation, mehr aber noch in den politischen Kampf.

Krise, in der griechischen Wortbedeutung (κρίσις) noch eine Entscheidungssituation auf dem Höhe- und Wendepunkt einer problematischen Lebenslage, im Mittelalter zunehmend beschränkt auf fieberhafte Erkrankungen, wird jetzt in der frühen Moderne vor allem zur Kennzeichnung der Dynamik ökonomischer Prozesse, die sich auf die Gesellschaft im Ganzen störend auswirken, die aber bewältigt werden können, sei es revolutionär oder durch Reformen.

Die meisten zeitgenössischen Beobachter, sowohl Normalbürger im Alltag wie auch Experten aller Art, die unsere gegenwärtigen westlichen Gesellschaften in der Permanenz von Krisen stecken sehen, unterscheiden mit Recht ökonomische von politischen und kulturellen Krisen, insbesondere überlagert von einer globalen ökologischen Krise. Über sie alle muss öffentlich geredet und über Lösungswege gestritten werden. Das kann nur noch pluralistisch erfolgen, d.h. vor dem kulturellem Hintergrund antagonistischer Lebensformen, Werte und Weltanschauungen. Das soll in diesem Blog geschehen.

Krisen und Katastrophen.

Die Nichtbewältigung und damit eine Steigerung von Krisen kann in Katastrophen münden. Werden Krisen nicht überwunden, also Lösungen zugeführt, können Individuen wie auch Gesellschaften nicht mit ihnen wachsen und reifen. Katastrophen steigern nicht Problemlösungskapazitäten, sondern ihnen muss man ausweichen, entfliehen oder als bittere Alternative untergehen. Wie die Deutschen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts oder wie die Flüchtlinge aus Syrien, die aus Kriegskatastrophen fliehen, unsere Hilfe brauchen, uns aber auch in eine weitere neue Krise treiben, die wir als Deutsche und Europäer zu bewältigen haben, um nicht selbst wieder in eine Katastrophe zu geraten.

Dass wir in ökonomischen Schwierigkeiten stecken, steht jeden Tag in allen Zeitungen und wird gern mit der Globalisierung und der letzten großen Finanzkrise von 2009 in Zusammenhang gebracht. Globalisierung ist im Westen ein Schreckgespenst für sich als Verlierer und Abgehängte empfindende Mittelschichten, die immer mehr nach Rechts tendieren. In den aufstrebenden Gesellschaften Chinas und Indiens wird dasselbe Phänomen ganz anders, nämlich als Chance gesehen, als eine Herausforderung, die erfolgreich bewältigt werden kann und die für diese Gesellschaften, zuerst für die vier Tigerstaaten Asiens, zuletzt für China und Indien, zu erstaunlichen Erfolgen geführt hat. Diesen ganz anderen Blick auf die Globalisierung übersieht man allzuoft im jammernden Europa. 

Krisen und Katastrophen gehören schon immer zur Moderne, sogar zur Geschichte des Homo Sapiens von Beginn an. Sie sind das Thema unserer Dialoge.

Einige immer noch aktuelle Dialoge des Archivs
Islam und Terror – Religion und Freiheit (Juli 2017)
Frankreichs neuer Präsident und die Zukunft der EU (Juni 2017)
Die USA und Trump (November 2016)
Europas Flüchtlinge (September 2016)

Vom Zeitgeist zu Zeitdiagnosen

Wollten Intellektuelle der frühen Moderne ihre gegenwärtige Gesellschaft verstehen, versuchten sie ihre jeweilige Epoche auf den Begriff zu bringen. Die Philosophie der Aufklärung gab ihnen die Mittel dazu in die Hand. Dem Zeitgeist nahe zu sein, ihn zu erfassen, war Ausweis des aufgeklärten Intellektuellen, der ihn in den Rang einer Avantgarde erhob und ihm verhalf seine Gesellschaft und ihre neuesten Tendenzen zu durchschauen – im Gegensatz zum Normalbürger, der im Traditionalismus verharrte und dem Neuen misstraute.

Das gilt gegenwärtig nicht mehr. Einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis unserer sozialen Verhältnisse heute hat keiner mehr. An Zeit-Geister wird nicht mehr geglaubt und deshalb treten Zeitdiagnosen an deren Stelle. Die philosophisch ambitionierte Durchdringung wird abgelöst vom Verarbeiten möglichst vieler teils fundierter teils trivialer Prognosen. Zeitgeist damals gab es nur im Singular, ihm waren die intellektuellen Köpfe als Personen unterschiedlich nahe, was ihr Selbstwertgefühl und ihre Distinktion prägte. Zeitdiagnosen heute kann es nur im Plural geben. Der eine sieht die neueste Entwicklung gesellschaftlicher Wirklichkeit so, der andere anders. Wissenschaftliche Trends stehen neben vielen in Lebenswelten verankerten Deutungsmustern. Diese Pluralität der Perspektiven ist Kennzeichen unserer hoch individualisierten Gegenwartsgesellschaft. 

Wie können diese teils einfachen teils hochkomplexen Trends und Deutungsmuster unserer sozialen Wirklichkeit geordnet und gewertet werden? Ein Heranziehen der Philosophie-Klassiker bietet sich an, denn sie verhelfen auch heute noch zum Sichten und Ordnen und zeigen an, wie nah oder fern wir mit unserem Denken den Meisterdenkern sind. 

Prinzipiell kann heute jeder an einer einzigartigen Weltanschauung basteln mit Anleihen religiöser, philosophischer und politisch-ideologischer Weltbilder. Faktisch ist keine individuelle Weltanschauung einzigartig. Soziologen klären uns auf, dass jeder beeinflusst wird von Familie, Peers, schulischer und universitärer Ausbildung, Leselektüre etc.. Diese Einflüsse steuern die Weltbild-Bastelei des einzelnen. Je reflektierter man um diese Einflüsse weiß, aber auch je bewusster man sich an klassischen Positionen orientiert bzw. sich von ihnen abgrenzt, desto gebildeter kann der einzelne auftreten und seine Originalität auszudrücken versuchen.

Dieser website versucht zu helfen die Vielfalt der Weltsichten offenzulegen, zu Annahme und Ablehnung anzuregen und niveauvoll zu ordnen. In Zusammenarbeit von krisendialoge.com als Moderator und Mitgliedern der Familie von Baruch als Dialog-Partnern. Anders als viele Familien, die ihre Differenzen gerne verleugnen um eines Scheins von Harmonie und Einheit willen, bestehen die von Baruchs auf Differenz ihrer Ansichten auf philosophisch fundierter Grundlage. Sie bleiben dabei bewusst gesprächsbereit und haben eine Tradition regelmäßigen argumentativen Austausches etabliert. Auf dieser website ist eine Reihe ihrer Diskussionen zu aktuell politischen Themen, zu ihrer philosophischen und aktuellen Lektüre und zu Grundfragen menschlicher Existenz geplant.

Dissens und Konsens, Differenz und Einheit

Die Gespräche zwischen Angehörigen unterschiedlicher weltanschaulicher Positionen werfen interessante Fragen auf, wie Differenzen, Antagonismen, Widerstreit und Widersprüche, auch Paradoxien in unserer Gegenwartsgesellschaft sich abspielen und theoretisch zu bewältigen sind. Die Entwicklung der modernen Gesellschaft mit ihrem zunächst einfachen Klassengegensatz, den die marxistische Tradition simpel dualistisch konzipierte, muss in unserer Gegenwartsgesellschaft komplexer gefasst werden. Verschiedene Auffassungen vom guten Leben, also differente Lebenswelten und kulturelle Milieus, auch Weltbilder und -anschauungen, der Pluralismus unser modernen Welt, bestimmen divergente Kulturklassen und sind soziologisch eine größere Herausforderung als Einkommens- und Vermögensklassen, die man leicht quantifizieren und in viele Abstufungen gliedern kann, um zu theoretischen Einsichten und politischen Programmen zu gelangen. Differenz, Dissens und Vielfalt haben sich vor Einheit, Konsens und Ganzheit als Startpunkt vieler theoretischer Diskurse geschoben und bilden die größere Herausforderung.

Die klaren philosophischen Ausgangspunkte der vier Gesprächspartner versprechen dieses Problem anzugehen. Konrad von Baruch betont den Unterschied von Elite und Masse, setzt sich aber auch scharf von einem nationalem kleinbürgerlichen Konservativismus ab, der es ihm möglich macht, mit dem Kosmopolitismus seines Bruders, der sich an Kant und Habermas orientiert, gleichzuziehen. Er betont den Primat von Institutionen über die Individuen. Auch als Konservativer befürwortet er die Grundwerte Freiheit und Rechtsgleichheit, da er sich der Moderne und ihren westlichen Grundwerten nicht entziehen kann und will. In der Moderne niveauvoll konservativ zu sein ist etwas anderes als in der Vor- und frühen Moderne. Linkssein dagegen lehnt er ebenso scharf ab wie den Konservativismus des Kleinbürgertums, der die Masse der CDU- und SPD-Wähler, auch der AFD prägt. Malte von Baruch orientiert sich als einziger mit seinem Weltbild am Objektivismus des Soziologie, vor allem der Systemtheorie Niklas Luhmanns, die sich bisher nicht zu einem verbreiteten Deutungsmuster für das Alltagshandeln und -bewusstsein durchsetzen konnte, im Gegensatz zum Marxismus bei Anhängern linker Parteien. Luhmann selbst hielt dies für unmöglich. Rebekkas Feminismus dagegen hat sich als Grundeinstellung vieler Frauen breit durchgesetzt, ohne aber bisher entscheidend die Sache der Frauen vorangebracht zu haben. Sie verbindet wie viele Feministinnen ihren politischen Standpunkt mit einem klaren Bekenntnis zur ökologischen Linken, was sie mit Clemens verbindet, der sogar für eine Einheit von SPD und Linkspartei eintritt. Für Malte ist der Rechts-Links-Gegensatz gänzlich unbestimmt und damit unbrauchbar geworden.

Alle vier Gesprächspartner spiegeln die bedeutsamsten Einstellungsmuster unserer politischen Parteien, vor allem der der politischen Mitte wieder. Was ihre Werte und Weltanschauungen betrifft, stehen sich diese antagonistisch gegenüber, politisch aber ist ihr Streit agonistisch (Chantal Mouffe). Sie sind zum Zuhören, zum empathischen Verstehen, zur Kompromissbildung und immer wieder auch zum Konsens bereit und fähig. Ihre Gespräche führen ein in den komplexen Pluralismus unseres Zeitalters und zeigen dessen Chancen, Möglichkeiten und Grenzen auf.

Jeder der vier Baruchs stellt sich in einem Interview vor, nicht um Persönliches kundzutun, sondern um den jeweiligen geistigen Werdegang, insbesondere philosophisch weltanschauliche Grundlagen, für die Leser unserer websites und unseres Blogs verständlich zu machen.

Rebekka Baruch 

Historikerin, schätzt als Feministin Simone de Beauvoir und Judith Butler

Konrad von Baruch

Konservativ, ein Freund der Antike, hofft auf einen neuen pragmatischen und europäischen Konservativismus

Clemens von Baruch

Linkskantianer mit Faible für Kant und Habermas

Malte von Baruch

Soziologe, Systemtheoretiker, folgt weitgehend Niklas Luhmann, blickt mit Sympathie auf die Klassiker Max Weber und Emile Durkheim

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